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Einleitung

Die japanische Schrift der Gegenwart ist eine Mischung aus reinen chinesischen Schriftzeichen Kanji 漢字 und der aus ihnen entstandener Laut- bzw. Silbenschrift 仮名 . Diese Mischform wird im Japanischen als Kanji kana majiribun 漢字仮名交じり文 bezeichnet und ist in ihrer Form einzigartig in der Welt.

Die Schwierigkeit der Erlernung dieser Schriftform liegt nicht unbedingt in der Anzahl der Schriftzeichen (ca. 2000), sondern in der Vielfalt der Lesungen einzelner Kanjis (siehe unten).

Die hier zusammengefassten Fakten sollen einen kurzen Einblick in die Geschichte und Typologie der chinesischen Schriftzeichen geben, sowie die Entstehung der Silbenschrift kurz abreißen.

Im wesentlichen habe ich drei Quellen zur Erschließung des Materials benutzt: Wolfram Mueller- Yokota\'s Aufsatz "Schrift und Schriftgeschichte", das im Bochumer Jahrbuch fuer Ostasienforschung (BJOAF 10, 1987) erschien, Detlef Folyanty\'s Beitrag "Japanische Schrift" zur vom Institut für Deutsche Sprache im Mannheim herausgebrachter Reihe "Deutsch und Japanisch im Kontrast" (Band I, 1984) und Wolfgang Hadamitzky\'s Vorwort zu Langenscheidts "Handbuch und Lexikon der japanischen Schrift" von 1980.

 

Kanji 漢字

Der Bezeichnung "Kanji", wird mit den chinesischen Schriftzeichen 漢 und 字 dargestellt. In ihrer Bedeutung steht diese Zeichenkombination für "chinesische Schriftzeichen" bzw. "chinesische Schrift", wobei das erste Zeichen auf die Epoche des Han- Reiches hinweist (206 v. Chr. - 220 n.Chr. ), in der diese Schrift ihre heute noch gültige Ausprägung erfuhr. Das Zeichen 字 bedeutet "Schrift" bzw. "Zeichen".

 

Geschichte

Aus ehemals symbolhaften graphischen Abbildungen konkreter Gegenstände zu kultischen Zwecken (älteste Funde stammen bereits aus der Zeit um 2000 v. Chr.), die in Schildkrötenpanzer und Knochen eingeritzt wurden, entwickelte sich eine Gebrauchsschrift. Die graphischen Darstellungen erfuhren zudem eine zunehmende Abstraktion und Vereinfachung ihrer Gestalt, die sich bis zum 1. - 2 Jahrhundert n. Chr. vollzogen. Maßgeblich für diese Prozesse war die Erfindung des Pinsels und des Papiers als Schreibunterlage, die zur Massenverbreitung des Mediums Schrift beigetragen hatte. Papier und Pinsel ermöglichten erst eine Standardisierung der Zeichengestalt, andererseits aber auch eine künstlerische Weiterentwicklung der Schrift bis zu recht freien kalligraphischen Formen. Die im heutigen Japan gebräuchlichen Schriftformen sind die Blockschrift Kaisho 楷書 und die Kursivschrift Gyosho 行書. Daneben existieren noch Sosho草書 (kursiv, stark abstraktiert), Reisho 隷書 (Amtsschrift, runde Schriftzüge, in einem ausgefüllten "Quadrat") und Tensho 篆書 (Zeichnungen).

 

Typologie

Die chinesischen Logogramme (ein Zeichen = ein Wort) lassen sich typologisch in drei Gruppen unterteilen :

1) Piktogramme (graphisch vereinfachte Abbildungen konkreter Gegenstände): 木 (Baum),山 (Berg),川 (Fluss),馬 (Pferd),月 (Mond) usw.

2) Ideogramme, Zusammensetzungen zweier oder mehrerer Piktogramme zu einem abstrakten Begriff 人 "Mensch" + 木 "Baum" = 休 "ausruhen", 隹 "Vogel" + 木 "Baum" = 集 "sich versammeln" oder bildhafte (symbolische) Darstellung abstrakter Begriffe und Zahlen : 上 (oben)下 (unten) 一 (eins) 二 (zwei) 三 (drei)

2) Phonogramme, Zusammensetzungen zweier Schriftzeichen, von dem das eine den Laut und das andere die Bedeutung (gleichzeitig das Klassenzeichen / Radikal) repräsentiert. Lautzeichen 包 /hoo/ und Zusammensetzungen mit anderen Zeichen 砲 胞 鞄 庖 泡 抱, alle mit dem Lautwert /hoo/.

 

Lesung chinesischer Schriftzeichen im Japanischen

Mehr als die Hälfte aller in Japan gebräuchlichen chinesischen Schriftzeichen hat zwei Lesungen : die japanische kun 訓 und die sinochinesische on 音. Die Kun-Lesung beruht auf der Unterlegung eines chinesischen Schriftzeichens unter Beibehaltung seiner Bedeutung mit einem japanischen bedeutungsgleichen Wort. Die On-Lesung entstand dagegen bei Fremdwortentlehnungen aus dem Chinesischen, wobei die chinesiche Aussprache der japanischen unter Berücksichtigung des japanischen Lautbestandes und seines Silbenbaus angeglichen wurde. Nicht selten weisen Kanjis mehrere On- und Kunlesungen auf. Während die Vielfalt der Kun-Lesungen lediglich auf Bedeutungsunterschiede bzw. grammatische Aspekte (transitiv vs. intransitiv) zurückzuführen ist, entstanden die verschiedenen On-Lesungen im Zuge verschiedener Rezeptionswellen chinesischer Schriftzeichen nach Japan. Demnach unterscheidet man drei On-Lesungsarten :

1) Go-on 呉音 : vor 720 nach Japan gebrachte chin. Schriftzeichen

2) Kan-on 漢音 : ab dem 7. Jahrhundert importierte Kanji

3) To-on 唐音 : Kamakura, Muromachi Zeit
  Beispiele für verschiedene On-Lesungen

       
呉音 ミョ ウ (myoo) ギョ ウ (gyoo) キョ ウ (kyoo)
漢音 メイ (mei) コウ (koo) ケイ (kei)
唐音 ミン (min) アン (an) キン (kin)

 

Kana 仮名

Zu Beginn seiner Schriftgeschichte bediente sich das Japanische einzelner chinesischer Schriftzeichen, die abgesehen von ihrer Bedeutung rein phonematisch gebraucht wurden. Zwar gab es für jede Silbe rund 20 - 30 verschiedene Kanji zur Auswahl. Doch im Laufe der Zeit setzten sich bestimmte Zeichen durch. Die oft geschriebenen Kanjis wurden zu praktischen Zwecken abgekürzt und somit vereinfacht.

 

Hiragana 平仮名

Durch zunehmende Zusammenführung einzelner Striche zu einfachen, reduzierten und kursiv geschriebenen Zeichen entstand die Kursivschrift Hiragana 平仮名. Es waren zunächst die Frauen der Heian-Zeit, die bedingt durch ihre mangelnden Kenntnisse der chinesischen Schrift diese vereinfachte Schriftform entwickelten und sich dieser bedienten. Daher auch die frühere Bezeichnung onnade 女手 (Frauenschrift). Die folgende Tabelle gibt Auskunft darueber, aus welchen einzelnen chinesischen Schriftzeichen die heutigen Hiragana Lautzeichen entstanden :
 

       
           
               

   

Katakana 片仮名

Durch die Verwendung einzelner aus einem Kanji herausgenommener Komponenten, die stellvertretend für dieses Schriftzeichen standen, entstand die zweite Silbenschrift, Katakana片仮名. An der Entwicklung der Katakana waren maßgeblich Mönche und Priester beteiligt, die einen schnellen Weg suchten, buddhistische Schriften zu lesen, zu studieren und zu schreiben.
 
 

       
           
               

 

Anordnung der Kana

Die oben dargestellten Lautetafeln tragen im Japanischen den Namen 五十音図 (Gojuonzu) : die 50-Laute-Tafel. Im Gegenwartsjapansich sind es allerdings nur 48 Laute, denn die Kanasilben ゑ /we/ und ゐ /wi/ sind heutzutage nicht mehr gebräuchlich. Die heutige Reihenfolge der Laute lehnt sich an die Anordnung der Laute im Sanskrit. Frühere Anordnungen wurden mit Hilfe von Gedichten bzw. Reimen umgesetzt. Der älteste Merkvers stammt aus der frühen Heian-Zeit (Mitte 10. Jahrhundert.) und besteht aus 48 Kana Silben. Ergänzt man diese um ihre stimmhaften Entsprechungen (/ka/ - /ga/ usw.), ergibt sich die Summe von 68 verschiedenen Sprechsilben. Das "Ametsutchi-kotoba" hielt knappe 100 Jahre.

Bereits 970 tritt ein neuer Vers anstelle von "Ame-tsuchi", der jedoch 47 Silben zur Verfügung stellt : eine Silbe musste geopfert werden. Der Verbrauch "guter" Silben schon am Anfang des Gedichtes führte zu einer Komplizierung der letzten Verse, so dass sich heute noch Interpretationen zur zweiten Hälfte mehren. Das "Taini no uta".

Nach den beiden "misslungenen" Versuchen, die Memorisierung der 50 Laute Tafel anhand eines Merkverses zu vereinfachen, entstand im Jahre 1079 das von unbekanntem Mönch verfasste buddhistische Gedicht "Iroha no uta". Trotz der heute aktuellen Darstellung der 48 Laute in Anlehnung an das Sanskrit genießt "Iroha no uta" weiterhin große Popularität. Besonders oft anzutreffen ist das Prinzip bei Aufzählungen, so werden zum Beispiel in einem Kanji Wörterbuch die einzelnen Bedeutungen mit den Anfangssilben des Gedichtes "numeriert". Das Gedicht und seine Übersetzung lauten :

 

Kana Kana+Kanji Transkription
いろ はにほへと 

ちりぬるを 

わかよたれそ 

つねならむ 

うゐのおくやま 

けふこえて 

あさきゆめみし 

ゑひもせす

色は に匂へど 

散りぬるを 

我が世誰ぞ 

常成らむ 

有為の奥山 

今日越えて 

浅き夢見じ 

酔ひもせず

Iro=fa nifofe=do  

tirinuru=wo  

wa=ga yo tare=zo  

tune=naramu  

uwi=no okuyama  

kefu koyete  

asaki yume mizi   

wefi=mo sezu

 

Übersetzung (nach Mueller- Yokota):

"Obwohl ihre Farben noch frisch sind, sind sie, ach, schon abgefallen !
Wer denn in unserer Welt besteht ewig ? Den tiefen Berg der Existenzen
habe ich heute überschritten, sehe keine seichten Träume (mehr)
und bin auch nicht mehr trunken."

 

Transkription

Heutzutage sind zwei Umschreibungsysteme zur Darstellung des Japanischen in lateinischen Buchstaben gebräuchlich. 

 

Hepburn

Die Bezeichnung dieser Umschrift des Japanischen in die lateinische Schrift geht auf den amerikanischen Missionar James Curtis Hepburn (1815-1911) zurück, der in seinem 1867 veröffentlichten "A Japanese and English Dictionary“ ein eigenes System zur Wiedergabe des Japanischen mit lateinischen Buchstaben vorstellte. Nach mehreren Überarbeitungen wurde seine Umschrift 1905 von der japanischen Gesellschaft zur Verbreitung der Lateinschrift (Romaji Hirome Kai ローマ字広め会) offiziell anerkannt. Die hepburn’sche Umschrift orientiert sich an der Aussprache des Japanischen. Der Fixierung der Konsonanten liegt das Englische zugrunde, die Umschrift der Vokale basiert auf dem Italienischen.

 

Kunrei(shiki) 訓令(式)

Im Jahre 1885 tritt ein weiteres Umschriftsystem an die Seite der bis dato offiziellen Hepburn-Umschrift. Ihrem amtlichen Charakter verdankt sie die Bezeichnung Kunreishiki 訓令式 (Verordnungssystem) Von hepburn‘schen System unterscheidet sich diese Umschrift nur in der Wiedergabe von 14 Silben. Ausgehend von der klassischen Anordnung der Silbenzeichen nach der Fünfzig-Laute-Tafel gibt die Kunrei Umschrift die konsonantischen Anlaute ohne Rücksicht auf phonetische Abweichungen wieder. 

 

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